Die tiergestützte Therapie-Entstehung und Einsatzmöglichkeiten

Geschichtlicher Hintergrund der tiergestützten Therapie  

Der erste nachgewiesene Einsatz von Tieren in einer Therapieumgebung scheint beim „York Retreat“ in England stattgefunden zu haben (Levinson, 1965). Dieser Rückzugsort wurde 1792 von der „Society of Friends“ gegründet.

Dort integrierten die Mitarbeiter häufig Tiere in die Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen. Die Idee, dass Heimtiere eine sozialisierende und therapeutische Funktion für Menschen mit psychischen Problemen haben könnten, wurde in dieser Zeit populär. Im 19. Jahrhundert war der Einsatz von Tieren in institutionellen Pflegeeinrichtungen weit verbreitet. Beispielsweise wurde der erste Einsatz von Tieren in der Therapie, 1867 in Bethel, einem stationären Behandlungszentrum für Personen mit Epilepsie, aufgezeichnet. In Nordamerika war eine der frühesten aufgezeichneten Verwendungen von Tieren in einem therapeutischen Umfeld, im Jahr 1919, dass St. Elizabeth’s Hospital in Washington, DC. Hier wurden Hunde als Begleiter für Bewohner in der psychiatrischen Versorgung eingeführt.

Der Pionier der tiergestützten Arbeit – Levinson mit Hund Jingles

Auch Sigmund Freud berichtete von den positiven Effekten, die seine Hündin “Jofi” auf seine Klienten im Rahmen seiner Psychotherapien hatte. Dabei wusste er besonders die beruhigende Wirkung seiner Hündin auf die Patienten zu schätzen. Freud machte die Erfahrung, dass es für manche Menschen erst möglich schien sich zu öffnen, wenn sein Hund in der Sitzung anwesend war. In den 1960 Jahren beschrieb Levinson in seinem Buch „Pet-Oriented Child-Psychotherapy“ erstmals die Vorteile, die sein Hund Jingles in den Beratungsgesprächen mit jungen Menschen einbrachte. Weiterhin lieferte er zahlreiche Beispiele dafür, wie Tiere die Therapie verbessern könnten. Besonders im Bereich der Empathieentwicklung und als Eisbrecher zwischen Therapeut und Klient (Levinson, 1969).

Zufällige Entdeckung des positiven Einfluss von Hunden

Die Entdeckung Levinson‘s, welchen enormen positiven Einfluss Hunde auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben, passierte allerdings eher zufällig. Während einer seiner Therapiesitzungen mit einem geistig beeinträchtigten Kind, ließ Levinson den Jungen kurz mit seinem Hund Jingles allein. Als er zurückkam bemerkte er, dass der Junge mit dem Hund interagierte und sprach. Jingles hatte in diesem Moment etwas geschafft, was zahlreichen Therapeuten und auch Levinson zuvor nicht gelungen war. Nämlich, zu dem Kind durchzudringen, um so eine Therapie erst möglich zu machen, ohne den Jungen in eine Heilanstalt überweisen zu müssen.

Der Grundstein wurde gelegt

Dies legte den Grundstein für die tiergestützte Therapie, welcher Levinson dazu inspirierte weitere Forschungen/ Untersuchungen im Zusammenhang mit jungen Menschen und seinem Hund Jingles durchzuführen. So gelang es ihm, diese Disziplin der Psychologie und Therapie voranzubringen und weiter zu entwickeln (Levinson, 1964). Er hatte den Grundstein für unsere heutige Forschung auf diesem Gebiet gelegt.

Die Entwicklung der tiergestützten Therapien in den USA

In den 1970er Jahren gründeten Sam und Elizabeth O’Leary Corson in ihrer psychiatrischen Klinik an der „Ohio State University“ eine Hundestation, um das Verhalten von den Tieren in verschiedenen Umgebungen zu untersuchen. Sie glaubten, dass ihnen dies einen Einblick in das Verhalten von Kindern und Jugendlichen geben würde, die unter ähnlichen Umständen leben. Die Station, in der die Hunde untergebracht waren, war nicht schallisoliert, und folglich konnten die Patienten in der Jugendstation die Hunde bellen hören.

Signifikante Verbesserungen von psychischen Beeinträchtigungen

Überraschenderweise begannen viele Patienten, ihr selbst auferlegtes Schweigen zu brechen, um zu fragen, ob sie die Hunde sehen und helfen könnten, sich um sie zu kümmern. Die Reaktion der Patienten gegenüber den Hunden inspirierten die Corsons, ein Forschungsprojekt durchzuführen, um die Auswirkungen von Hunden auf psychiatrische Patienten zu untersuchen, die auf keine anderen Behandlungsmethoden angesprochen hatten. Das unglaubliche Ergebnis dieser Pilotstudie war eine signifikante Verbesserung der psychischen Beeinträchtigungen bei 28 von 30 Probanden (Corson, Corson & Gwynne, 1974).

Heute gilt die „Delta Society“ als die führende nordamerikanische Organisation in der tiergestützten Therapie. Die Delta Society wurde 1977 als gemeinnützige Organisation mit dem Ziel gegründet, vorteilhafte Beziehungen zwischen Tieren und Menschen zu fördern und ihre Gesundheit, Unabhängigkeit und Lebensqualität zu verbessern.

Tiergestützte Therapie in der Praxis – wieso ist sie so erfolgreich

Viele Therapiehunde sind dafür bekannt, dass sie ihre Klienten enthusiastisch begrüßen (Fine, 2019). In der Literatur gibt es zahlreiche Berichte, die darauf hinweisen, dass Klienten häufig in einer warmen und liebevollen Art von den Hunden empfangen werden und diese dadurch die gesamte Aufmerksamkeit der Klienten auf sich ziehen. Diese ersten Begegnungen helfen, Spannungen zu Beginn des Treffens abzubauen und das therapeutische Umfeld zu bereichern. Damit Therapien erfolgreich sein können, müssen sich die Klienten wohl fühlen. Der Klient muss seinem Therapeuten vertrauen, bevor er offen über seine persönlichen Gedanken und Erfahrungen sprechen kann und Hunde helfen dabei.  

Tiergestützte Therapie bei Bindungsstörungen

Viele Menschen in der Therapie haben häufig Bindungsstörungen oder Schwierigkeiten, jemandem zu vertrauen. In vielen Fällen hat ihre Lebenserfahrung sie gelehrt, in der Erwartungshaltung einer psychischen Verletzung zu verharren und zwar meisten ausgehend von Menschen, von denen sie abhängig sind und die sie lieben. Sie halten es oft für gefährlich, sich einer anderen Person zu nähern, und vermeiden daher jede Beziehung, die sie in eine potenziell kritische Situation bringen könnte. Ein Tier kann ein sicherer Hafen sein, an das sich diese Menschen binden können. Die Personen können davon profitieren, einem Tier Zuneigung zu schenken oder Zuneigung von einem Tier zu empfangen.

Tiere sind nicht wertend und bieten bedingungslose Akzeptanz

Weil Tiere nicht wertend sind, ein offenes  Ohr und bedingungslose Akzeptanz bieten, wenden sich Kinder häufig an Tiere zur sozialen Unterstützung. Studien haben gezeigt, dass Kinder sich ihren Haustieren regelmäßig anvertrauen, wenn sie ein Problem haben und mit ihrem Haustier spielen, wenn sie sich gestresst fühlen. Dies gilt auch für Erwachsene. Laut einer jährlichen nationalen Umfrage der American Animal Hospital Association gab fast die Hälfte der 1252 Befragten an, emotional von ihrem Haustier abhängig zu sein. Darüber hinaus gaben 83% an, dass sie wahrscheinlich ihr eigenes Leben für ihr Haustier riskieren würden, 89% glauben, dass ihr Haustier alles oder einen Teil dessen versteht, was sie sagen, und etwa 30% gaben an, dass sie mehr Zeit mit ihrem Haustier verbringen als mit Familie oder Freunden ( Interactions, 1998).

Emotionsregulation in der tiergestützten Therapie

Viele Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken. Oft wurde Menschen mit psychischen Problemen gesagt, dass ihre Gefühle falsch sind. Sie haben vielleicht auch gelernt, dass andere ihre Gefühle als unwichtig betrachten. Dies kann zu Verwirrung oder Schuldgefühlen führen, wenn bestimmte Gefühle erneut auftreten, und es folglich zu einer Unterdrückung dieser Emotionen kommt.  Die Interaktion mit oder die Beobachtung eines Tieres helfen, zu erkennen, dass es normal ist, vielschichtige Emotionen zu haben.

Tiere helfen Emotionen einzuschätzen

Wenn ein Tier in Therapiesitzungen anwesend ist, kann dies den Klienten auch dabei helfen, Emotionen einzuschätzen. Die Tiere scheinen das emotionale Klima des Raumes zu regulieren (Fine, 2019). Zum Beispiel gibt es zahlreiche Berichte von Klienten (aller Altersgruppen), die es schaffen, ihre Reaktionen auf Streitigkeiten zu regulieren, wenn ein Tier in der Sitzung anwesend war. Viele Patienten scheinen die Anwesenheit des Tieres zu respektieren und möchten kein Unbehagen bei ihnen hervorrufen. Klienten, die übermäßige Reaktionen zeigen, sehen eine sofortige Reaktion des Tieres und beruhigen sich oft schnell. Die Reaktion des Tieres auf verschiedene Emotionen kann ein wertvolles Lehr- / Diskussionsinstrument sein.

Tiere sind die Quelle emotionaler Unterstützung

Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass Tiere eine wichtige Quelle emotionaler Unterstützung für Kinder sein können. Während Kinder im Vorschulalter bis zur ersten Klasse ihre Haustiere als Spielkameraden und Beschützer betrachteten, betrachteten Kinder in höheren Klassen ihre Haustiere als Vertraute und Quellen emotionaler Unterstützung.

Empathieentwicklung in der tiergestützten Therapie

Eine von Levine und Bohn (1986) durchgeführte Studie ergab, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, einfühlsamer waren als Kinder ohne Haustier. Eine andere Studie ergab, dass die Punktzahl von Kindern auf einer Empathie-Skala nach dem Besuch eines einjährigen Programms, zur Tiererziehung in einer Grundschule, anstieg. Besonders hervorzuheben ist, dass diese empathischeren Einstellungen ein Jahr nach Abschluss des Programms in der Versuchsgruppe noch vorhanden waren. Es wurde auch festgestellt, dass Kinder ein Tier oft schnell als Gleichaltrige betrachten, selbst wenn sie kein eigenes Tier haben.

Fazit zur tiergestützten Therapie

Tiergestütze Therapien wurden schon bei einer Vielzahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Verhaltensproblemen in unterschiedlichen Settings eingesetzt und mit positiven Auswirkungen bekräftigt.  Forschungen ergaben, dass Tiere einen positiven Einfluss auf die Erkrankten in stressigen Situationen, innerhalb des therapeutischen Prozesses, haben. Als Grund wird beschrieben, dass die gesamte Umgebung durch die Anwesenheit eines Tieres freundlicher und weniger bedrohlich wirkt. Des Weiteren fühlen sich die PatientInnen ruhiger, wenn ein Tier an der Sitzung teilnimmt, auch wenn dieses “nur” passiv anwesend ist. Experten konnten beobachten, dass bei Menschen, die in Kontakt mit Tieren stehen, die Hormone Serotonin und Dopamin ausgeschüttet werden. Bei ihnen entstehen dadurch Glücksgefühle, wodurch sie ruhiger werden und die Ausschüttung von den Stresshormonen Adrenalin und Kortisol gehemmt werden. Außerdem setzt dadurch eine Senkung der Schlagfrequenz und des Blutdrucks ein.

Forscher berichten weiter, dass Tiere im psychologischen oder auch pädagogischen Setting oft als Eisbrecher innerhalb der Beziehung zwischen Therapeut und Patient fungieren (Bachi and Parish-Plass, 2017, Fine, 2019).  Von essenzieller Bedeutung in der tiergestützen Therapie ist außerdem das Hormon Oxytocin, welches als Anti-Stress-Hormon bekannt ist. Studien von Nagasawa (2009) belegen, dass die Interaktion mit Hunden den Oxytocin-Spiegel erhöhen kann. 

Quellen:

Bachi K, Parish-Plass N.(2017): Animal-assisted psychotherapy: A unique relational therapy for children and adolescents. Online verfügbar unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27742758

Baker S., Anand K., Best A. (2017):  Effects of Animal-Assisted Therapy on Patients‘ Anxiety, Fear, and Depression Before ECT. Online verfügbar unter: https://www.researchgate.net/publication/10870346_Effects_of_Animal-Assisted_Therapy_on_Patients’_Anxiety_Fear_and_Depression_Before_ECT

Chandler, C. K. (2012): Animal Assisted Therapy in Counseling: Taylor & Francis. Online          verfügbar unter https://books.google.de/book  s?id=O_asAgAAQBAJ 

Fine, Aubrey H. (2019): Handbook on animal-assisted therapy. Foundations and Guidelines for Animal-Assisted Interventions. 5th ed. Amsterdam: Elsevier/Academic Press. 

Jones M., Rice S., Cotton S. (2019): Incorporating animal-assisted therapy in mental health treatments for adolescents: A systematic review of canine assisted psychotherapy. Online verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6336278/

Levinson B., Mallon G. (1997): Pet-oriented Child Psychotherapy. Charles C Thomas Pub Ltd; Auflage: 2 (1. März 1997).

Nagasawa M., Mogi K., Kikusui T.:(2009)Attachment between humans and dog. Online verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/j.1468-5884.2009.00402.x

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